E.T.A. Hoffmanns Nachtstücke

Therapiesitzung vom Juni 15, 2009 Aktenschrank: Allgemein 0 Diagnosen
Gefällt mir

Dieser Aufsatz war Basis einer Präsentation, die als Übung einer Prüfung dienen sollte. Eine Note ist nicht bekannt. Die Bewertung dürfte auf eine mittlere bis gute Note hinauslaufen. Solltet ihr den von mir verfassten Text als Hilfe oder Orientierung benutzen, bitte ich euch, eine Verlinkung auf diese Seite als Quellenverweis vorzunehmen.

Wenn man den Begriff Nachtstück ohne Hintergrundwissen auf die Literatur anwendet, dann denkt man zunächst an eine unheimliche Geschichte, deren Hauptgeschehen sich in dem Zeitraum der Nacht abspielt.
Prinzipiell ist dieser Gedanke nicht abwegig. Jedoch ging es Hoffmann bei seinen 8 Werken weniger um den nächtlichen Zeitraum, vielmehr ging es ihm um die dunklen Seiten im Leben eines Menschens, die selbst einem aufgeklärten Menschen rätselhaft und schrecklich erscheinen.
Mein Vortrag heute befasst sich mit den schwarz-romantischen Werken Hoffmanns, die zu seinen Lebezeiten weitgehend unbeachtet blieben oder skeptisch betrachtet wurden. Ich beginne mit der Definition für ein „Nachtstück“. Anschließend werde ich auf die zwei Werke „Der Sandmann“ und „Das Majorat“ näher eingehen und die vorher gegebene Definition auf sie anwenden. Zuletzt werde ich als Fazit den geschichtlichen Kontext, sowie die Urteile und Kritiken zweier Zeitgenossen von Hoffmann verwenden.

An-für-sich ist es nicht schwer, den Begriff ‚Nachtstück’ zu definieren. In einem solchen Stück herrscht immer eine dunkle und geheimnisvolle Stimmung. Jedoch muss man zwischen drei verschiedenen Varianten der ‚Nachtstücke’ unterscheiden:
Die erste und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wurde auf Kunstwerke von berühmtesten Malern des 16. und 17 Jhrds angewandt. Gemälde von Rembrandt, Caravaggio oder Elsheimer im frühen Barock waren ausschlaggebend für diesen Stil. Meist waren düstere Szenen dargestellt, die nur durch ein von oben her einfallendem Licht z.B. dem Mond beleuchtet wurden. Aber auch Werke, die Höllen- oder Spukszenarien darstellten fielen unter diesen Namen.
In der Musik wurde der Begriff Nocturne(abgl. vom Lat. Nocturnus) für Nachtstücke verwendet. Es handelte sich meist um stimmungsvolle, träumerische Klavierstücke, aber auch um Orchester oder Sinfonien. Nocturne galten bis zum 18.Jhrd zur Gattung der Unterhaltungsmusik. Robert Schuhmann komponierte seine ‚Nachtstücke’ angeregt durch Hoffmanns. Jedoch die bekannteste Adaption in der Musik ist die Oper ‚Hoffmanns Erzählungen’ von Jaques Offenbach, darin vor allem, die ‚Arie der Olimpia’.
Hoffman benutze die Bezeichnung für seine Werke. Dadurch wurde der Begriff in der Literatur bekannt. Die literarischen Nachtstücke befassten sich teilweise mit Geister- und Spukgeschichten, aber auch mit bizarren seelischen Erkrankungen sowie den „Nacht- und Schattenseiten eines Menschen“. Oftmals ist es schwer, das Realistische vom Fantastischen zu trennen, da sie Grenze des Verstandes zum Übersinnlichen darstellen sollen.

Nun komme ich zu einem der Nachtstücke Hoffmanns, dieses heißt „Das Majorat“.
Ein Majorat ist ein nach dem Ältestenrecht vererbtes Gut, dass immer in den Besitz des ältesten, lebenden Sohn der Familie geht. In der Geschichte wird der angehende Jurist Theodor von seinem Onkel, dem Advokat einer Adelsfamilie, auf deren Schloss gebracht, um bei den jährlichen Rechtsgeschäften dem Advokaten als Protokollant zur Hand zu gehen. In der ersten Nacht hört Theodor unheimliche Geräusche, die ihn erschrecken, als er gerade Schillers ‚Geisterseher’ liest. Er berichtet dem Advokaten davon, dieser will in der nächsten Nacht gemeinsam mit Theodor den Spuk erwarten. Als die Geräusche um Mitternacht wieder anfangen, ruft der Advokat: „Daniel! Daniel! Was machst du hier zu dieser Stunde?“ Es ertönt ein dumpfer Laut, als wäre etwas zu Boden gefallen und ein Krächzen, danach ist der Spuk beseitigt.
Im späteren Verlauf stellt sich heraus, dass Daniel, der ehemalige Hausverwalter, Mittäter bei dem Mord an dem damaligen Majoratsherren war. Dieser wurde im Auftrag seines Bruders vom Hausverwalter getötet. Seit der Tat war Daniel Schlafwandler, bis ihn der aktuelle Majoratsherr versehentlich tötet, da er ihm während seiner nächtlichen Aktivitäten ansprach.

Unter den Aspekten eines Nachtstückes ist natürlich der Spuk auffällig, den Theodor in den ersten beiden Nächten bemerkt. Zunächst ist unklar, ob Theodor den Spuk nicht selbst durch seine Fantasie heraufbeschworen hat, da er zu dem Zeitpunkt, in dem der Geist von Daniel auftrat, den ‚Geisterseher’ Schillers las, der ebenfalls übersinnliche Ereignisse beinhaltet.
Nachdem der Spuk beseitigt wurde, erfährt man später von dem Advokaten, dass der Mord, den Daniel begangen hat, ein Mord aus niederen Beweggründen war.
Alles begann bei Roderich I von Rossitten. Er war der erste Baron des Majorats, der sich oft mit Astronomie und anderen Wissenschaften in einem Turm des Schlosses beschäftige. Eines Tages brach der Turm zusammen und Roderich kam ums Leben. Daraufhin kam sein ältester Sohn Wolfgang nach Rossitten um im Schloss nach Wertsachen zu suchen. Oftmals ging er an die Stelle, wo früher einmal der Eingang zu dem abgestürzten Turm war, um nach Gold in der Tiefe zu suchen. Sein jüngerer Bruder Hubert I und Daniel, der Hausverwalter beschlossen Wolfgang umzubringen, da er mit beiden rücksichtslos umging. Als Wolfgang abends wieder nach Gold Ausschau hielt, versetzte ihm Daniel einen Stoß, sodass Wolfgang in die Tiefe stürzte. Sein Bruder, Hubert I, war nun viele Jahre lang der Majoratsherr, bis er aufgrund seines Alters starb. Sein Sohn, Hubert II, wollte das Majorat übernehmen, jedoch verhinderte dies der Advokat, da Hubert I einen weiteren Sohn hatte, der in einem Testament als Erbe angegeben wird. Dieser Sohn, Roderich II, übernahm das Majorat. Eines Nachts, als er bemerkt, wie Daniel zu der Stelle schlafwandelt, wo er damals Wolfgang ermordet hat, spricht Roderich ihn an. Daraufhin stirbt Daniel und spukt fortan, bis er vom Advokaten verjagt wird.

Hoffmann wollte mit dieser Geschichte auf die dunkle Seiten jedes Menschen hinweisen. Der Titel ‚Nachtstücke’ war gewählt, bevor er ‚Das Majorat’ schrieb. Aufgrund dieser Tatsache konnte er gezielt die Charaktere entwickeln und agieren lassen, damit sie den Titel unterstützen.

Nun komme ich zur nächsten Geschichte ‚Dem Sandmann’, das bekannteste Werk der Nachstücke. Die Fabel vom Sandmann wurde aufmüpfigen Kindern erzählt, die nicht ins Bett gehen wollten. Sie besagte, dass der Sandmann ein böser Mann sei, der Kindern, die nicht ins Bett gehen wollen, Sand in die Auge streue, bis die Augen aus dem Kopf herausspringen. Die Augen bringe er anschließend zum Halbmond, wo seine vogelartigen Kinder die menschlichen Augen gierig aufpieken.
Diese Geschichte wurde Nathanael erzählt, als er klein war. Die Mutter schickte ihn immer ins Bett, bevor der Arbeitkollege seines Vaters, Coppelius, ins Haus kam. Beide Männer führten alchemistische Experimente durch. Eines Nachts versteckte sich Nathanael im Schrank des Arbeitszimmers und bekam die Versuche mit. Sein Vater kam bei einem Versuch ums Leben, also machte Nathanael Coppelius dafür verantwortlich.
Als Student muss er sich mit seiner Kindheit auseinander setzten. Der Linsenschleifer Coppola erinnert ihn stark an Coppelius. Nathanael verliebt sich in die ‚Tochter’ seines Professors, die schöne Olimpia. Jedoch ist Olimpia kein Mensch, sondern ein Automat. Erst als Coppola die Augen des Automaten entnimmt, bemerkt Nathanael, dass sie nicht menschlich ist. Er verfällt in Wahnsinn und stürzt sich letztendlich in den Tod.

Die Sandmannfabel, mit der Nathanael in seiner Kindheit konfrontiert wurde, ist hier als Ursprung der psyschichen Entwicklung Nathanaels zu sehen. Durch seine Erzählungen ist man als Leser versucht, wenn nicht sogar gezwungen, den Wahnsinn nachzuvollziehen, jedoch ist dies nicht möglich, da Nathanael fest davon überzeugt ist, etwas gesehen zu haben, das gar nicht real ist. Es wird also deutlich, dass Hoffmann mit den Elementen Traum oder Wirklichkeit spielt, somit ist die Klarheit im Sandmann nicht immer gegeben. Im Gegensatz zum Majorat ist hier eine abnorme seelische Erkrankung zum Hauptthema geworden.

Als angemessene Meinung eines Zeitgenossen Hoffmanns habe ich hier ein Zitat rausgesucht:

»In den ,Nachtstücken’ ist das Gräßlichste und Grausenvollste überboten. Der Teufel kann so teuflisches Zeug nicht schreiben« (Heinrich Heine Dritter Brief; 7. Juni 1822).

Heine bringt mit diesem Zitat das zum Ausdruck, was viele Menschen zu der Zeit dachten.
Die melancholischen Züge, die Faszination vom ‚Bösen’ und vom menschlichen Wahnsinn
in den Werken zeichneten eine Strömung innerhalb der Epoche Romantik aus. Die schwarze Romantik war die Kehrseite der Romantik. Die Autoren dieser Epoche, zu denen auch Hoffmann gehörte, banden übersinnliche, schaurige, groteske und auch z.T. satanistische Motive in ihre Werke ein. Elemente wie die Nacht, Sehnsucht und Verzweiflung, Wahnsinn und Träume, sowie Fabelwesen und der Suizid, aber auch die Natur spielen in Schwarz-Romantischen Werken eine hauptsachliche Rolle.

Joseph von Eichendorff lehnt, ebenso, wie Heine die Nachtstücke ab.
Er kritisiert an ihnen den „Mangel an Innerlichkeit und wahrer künstlerischer Hingebung“
Sie seien nichts als gespensterhafte Luftspieglungen.

Der romantische Dichter widmet sich in seinen acht Erzählungen der Psyche des Menschen sowie den Abgründen der Krankheit. Dabei liefert Hoffmann in facettenreicher Ausgestaltung ein verzerrtes groteskes Bild, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Mehr als die früheren Märchen und Erzählungen, eröffnen die Nachtstücke einen Blick auf die Seiten des Lebens, die dem aufgeklärten Verstand schrecklich und rätselhaft erscheinen. Das „Nächtliche“ beschränkt E.T.A. Hoffmann jedoch nicht allein auf den Raum der Nacht, sondern bettet es in das reale alltägliche Umfeld seiner Zeit. Die acht Erzählungen kennzeichnen den Aufbruchcharakter der Spätromantik. Hoffmann hält als begabter und kritischer Beobachter jedes Details seines gesellschaftlichen Umfeldes fest. Subjektivität bestimmt das Wesen seiner Erzählungen.

Quellen:

http://www.berkler.de/nachtstueck.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Sandmann_(Hoffmann)

http://www.cdrnet.net/kb/data/DE_Hoffmann.asp

Hinterlasse eine Antwort